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Interview mit Klimaexperte Prof. Dr. Walter Leal

„Die Chance ist einmalig, wir sollten sie nicht verpassen“

Interview mit Klimaexperte Walter Leal zu den ökologischen Chancen angesichts der Pandemie und der Bedeutung des von ihm gegründeten Forschungs- und Transferzentrums "Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement" (FTZ-NK).

Prof. Dr. Walter Leal in einer internationalen Vorlesung an der Fakultät Life Sciences der HAW Hamburg.

Prof. Dr. Walter Leal in einer internationalen Vorlesung an der Fakultät Life Sciences der HAW Hamburg.

Herr Professor Leal, Sie sind Inhaber der Professur für Klimafolgenmanagement und Gesundheit an der HAW Hamburg, Begründer und Leiter des Forschungs- und Transferzentrums "Nachhaltigkeit und Klimafolgenmanagement“ (FTZ-NK) und engagieren sich als Klimaexperte im Weltklimarat – was treibt Sie an?

Professor Dr. Walter Leal: Ich habe ursprünglich Biologie und Umweltwissenschaften studiert, bin jedoch an einer Vielzahl von Themen interessiert. Der Zusammenhang zwischen Klima und Nachhaltigkeit sowie die damit verbundenen gesundheitlichen und technologischen Aspekte finde ich besonders spannend. Mit meiner Professur versuche ich, eine Schnittstelle zwischen diesen Themen zu etablieren. Ich habe das Glück, dass ich an der HAW Hamburg meiner Leidenschaft für die Forschung und für die Lehre gleichermaßen nachgehen kann. Beim Weltklimarat (IPCC) wiederum bin ich als Leitautor im Rahmen des sechsten Sachstandsberichts (AR6) tätig. Im Rahmen dieser Tätigkeit trage ich ein Kapitel bei, das sich mit den Themen Klima, Armut und Nachhaltigkeit befasst. 

2020 steht ja vor allem unter dem Eindruck von COVID-19. Allerdings führt die Pandemie auch zu sinkenden CO₂-Emissionen. Eine gute Nachricht?

Leal: Die Natur bedankt sich für die Pause, die ihr die COVID-19-Crisis bietet. Mehr Homeoffice, leere Straßen und weniger Flüge reduzieren unseren CO₂-Ausstoß. Dies wird natürlich nur kurzfristig wirken. Um einen positiven Effekt zu erzeugen, müssten wir die Emissionen dauerhaft reduzieren – aber die Wirtschaft wird sich bald erholen und wir fangen von vorne an. 

Allerdings sind aktuell zahlreiche Konjunkturprogramme geplant – eine Chance, klimafreundliche Industrien und Unternehmen zu stärken?

Leal: Auf jeden Fall! Es wird eine Welt „nach Corona“ geben, und es ist sehr wichtig, darüber zu diskutieren, welche Maßnahmen zu einem nachhaltigen Weg aus der wirtschaftlichen Krise führen können. Es müssten die richtigen ökonomischen Anreize gesetzt werden, vor allem im Bereich Transport, Bau und Industrie, die für signifikante Anteile der CO₂-Emissionen verantwortlich sind. Diese Chance ist einmalig, und wir sollten sie nicht verpassen. 

Was können speziell die Studierenden – und Lehrenden – der HAW Hamburg tun, um das Klima zu schützen?

Leal: Wir sollten uns noch intensiver mit Klimafragen beschäftigen. Studien zeigen: In Deutschland können wir bei konsequenter Umstellung die Hälfte unserer derzeitigen Pro-Kopf-Emissionen von im Schnitt elf Tonnen im Jahr einsparen, ohne gravierend an Lebensqualität einzubüßen. Wir als HAW-lerinnen und HAW-ler sollten zeigen, wie es geht: nachhaltig einkaufen und essen und unsere Bauvorhaben und großen Projekte auf ihre klimatischen Folgen prüfen. Den Studierenden empfehle ich immer, im Rahmen von Praktika oder Bachelor- und Masterarbeiten, Klimaaspekte zu berücksichtigen. Sie gewinnen damit wichtige Erkenntnisse und machen sich für zukünftige Arbeitgeber noch interessanter.

Um intensiv zu den Themen Nachhaltigkeit und Klima forschen, haben Sie das FTZ-NK gegründet. Vielleicht können Sie kurz die Bedeutung des an der HAW Hamburg angesiedelten Transferzentrums skizzieren?

Leal: Wir sind eine technologieorientierte Forschungseinrichtung, führen interdisziplinäre Forschungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit, Klima und Gesundheit durch, organisieren Fachveranstaltungen und Fortbildungsprogramme im Bereich Nachhaltigkeit und Klima und tragen zur Nachwuchsförderung durch die Betreuung von Bachelor, Master- und Doktorarbeiten bei.

Gibt es beispielhaft ein oder zwei aktuelle Forschungsprojekte, die Ihre Arbeit veranschaulichen?

Leal: Mir fallen da besonders zwei Projekte ein. Erstens das Projekt „BSR-Electric“, ein Verbundprojekt mit Partnern aus dem Ostseeraum, wie etwa Dänemark, Lettland, Finnland, Norwegen, Polen und Schweden, rund um das Thema „Nachhaltige Mobilität“. Dies wird seitens des EU-Programms „Interreg Ostsee“ gefördert. Zweitens das Projekt „Klima-GESUND“, finanziert durch das Bundeswissenschaftsministeriums (BMBF), in dem es darum geht, das Thema Klima in die Lehrpläne von Studiengängen im Bereich Gesundheitswissenschaften in Deutschland zu integrieren. Unsere Ergebnisse der Forschung hier an der HAW Hamburg finden bundesweit Beachtung. Besonders stolz bin ich auch auf das Projekt „Bioplastics Europe“, das wir als Koordinatoren und zusammen mit über 20 Partnern im Rahmen des Forschungsprogramms „Horizon 2020“ initiiert haben. Das Projekt läuft über vier Jahre und hat ein Volumen von ca. 8,5 Millionen Euro. Es gibt wenige Hochschulen in Deutschland, die es geschafft haben, zum Koordinator eines Horizon 2020 zu werden. Wir sind eine davon.

Die Arbeit des FTZ-NK ist international ausgerichtet. Gibt es Erfolge, die gerade durch die internationale Zusammenarbeit erreicht werden konnten?

Leal: Die gibt es. Wir haben es zum Beispiel geschafft, ein europäisches Zentrum zum Thema Nachhaltigkeit ins Leben zu rufen. Die „European School of Sustainability Science and Research“ (ESSSR), im Oktober 2018 ins Leben gerufen, ist mittlerweile mit rund 50 Mitgliedern der größte Verbund für Nachhaltigkeitsforschung in Europa. Dank ESSSR ist die HAW Hamburg im europäischen Forschungsraum sehr präsent.
(Das Interview führte Yvonne Scheller.)

Kontakt

Fakultät Life Sciences
Prof. Dr. Ralf Reintjes
Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung
Tel. 040.42875-7211/-6104
ralf.reintjes (@) haw-hamburg.de

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